Allein

Ich fühle mich selten alleine, wenn ich vor der Klasse stehe.
Ich vermisse in der Regel niemanden. Keinen Co-Lehrer, keinen hospitierenden Lehrer.
Mir geht es gut vor der Klasse. Mir macht es wirklich Spaß mit den Schülern und Schülerinnen zu interagieren.

Diese Woche war es aber so weit. Ich geriet in eine Situation, die ich bis dato so nicht kannte und auf die ich mich ganz und gar nicht vorbereitet fühlte. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, inwiefern man sich auf so etwas vorbereiten kann.
Es ging um meine Kleinen. Bisher habe ich da nicht viel unterrichtet. Ich glaube es waren nicht mehr als sechs oder sieben Stunden. Diese Woche sollte es die letzte sein, wir wollten mit den Bildergeschichten abschließen.
So war jedenfalls der Plan. Doch es kam ganz anders.

Die gesamte Klasse war aufgebracht, denn in der Pause haben sich Vorfälle ereignet, die dringender Klärung bedurften. Ein Kind wurde von anderen bedrängt, teilweise tatsächlich gehauen und getreten. Ein anderes Kind stellte sich wohl dazwischen, was zur Folge hatte, dass es ebenfalls bedrängt wurde. Wieder andere Schüler waren gar nicht dabei, haben es nur beobachtet oder die Sache befeuert.
Es war verzwickt.
Dabei muss man die Schüler dahingehend loben, dass sie sich nicht gegenseitig beschuldigt haben, aber stattdessen mehr oder weniger reumütig zugaben, etwas falsch gemacht zu haben. Jedenfalls die meisten. Andere ließen Kommentare vom Stapel, die mir die Kinnlade runterfallen ließen.

Der Unterricht begann also damit, dass mir ein weinendes Kind draußen vor der Tür den Sachverhalt schilderte, während der Rest drinnen seine Mühe hatte, nicht über Tische und Bänke zu gehen. Ich erlaubte dem Kind in Begleitung eine Runde über den Hof zu drehen, da es verständlicherweise nicht wieder weinend in die Klasse wollte.
Währenddessen versuchte ich mit Mühe und Not der Klasse klarzumachen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung sei.
Und genau an diesem Punkt scheiterte ich und fühlte mich wahnsinnig alleine.
In dem Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte, was ich mit ihnen tun sollte. Einsicht? Fehlanzeige!
Stattdessen Hinweise auf das abwesende Kind, dass es nerve und selbst manchmal handgreiflich werde. (Ersteres kann ich nachvollziehen, letzteres nicht.)
Ich versuchte diese Beschuldigungen zu unterbinden, da das betreffende Kind schließlich gar nicht anwesend war, um sich zu verteidigen. Ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, dass es weniger um schuldig und unschuldig geht, sondern vielmehr alle gemeinsam betrifft und es um das Miteinander geht.
So richtig funktionierte das aber nicht.

Umso erleichterter war ich, als das betroffene Kind mit der Schulsozialarbeiterin (die an diesem Tag glücklicherweise gerade im Haus war) wieder in die Klasse kam.
Ich sprach kurz mit ihr, erklärte ihr die Situation und wir entschlossen uns, dass Unterricht in der Form gerade eh unmöglich sei. Deshalb übernahm sie die zweite Hälfte der Stunde und sprach mit den Schülern.

Im Nachhinein würde ich wohl anders reagieren. Ich habe daraus gelernt, dass es Situationen gibt, denen ich mich in gewissen Momenten einfach nicht stellen kann. Zu schnell war der Punkt überschritten, an dem man noch hätte Ruhe reinbringen und mit dem Unterricht fortfahren können. Hätte ich zu Beginn der Stunde schon gewusst, dass die Klasse nächste Woche eh ein Projekt mit der Schulsozialarbeiterin hat, hätte ich die Sache erstmal auf sich beruhen lassen, ohne weiter Öl ins Feuer zu gießen und hätte mit den Schülern Unterricht gemacht; selbstverständlich nicht ohne ein zwei Worte zu dem Vorfall, um ihnen klar zu machen, dass körperliche Angriffe absolut tabu, sogar strafbar sind.
In der Situation selbst merkte ich immer wieder, wie mein Hirn nach irgendetwas suchte, was wir mal zu solchen Situationen gelernt haben…nur gefunden hat es leider nichts.

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2 Gedanken zu „Allein

  1. Das ist eine ganz schwierige Situation, die du da erlebt hast. Ich habe sowas nur ein Mal als Beobachter erleben dürfen – der damalige Lehrer hat die Situation, so mein Eindruck, vor allem Dank Erfahrung irgendwie gebändigt, aber auch da war es schwierig, weil so viele Emotionen im Raum waren. In dem Fall ein Kind mit, so würde man es heute nennen, sozial-emotionalem Förderbedarf. Das trat gerne mal grundlos die anderen, fing dann aber selbst an zu weinen. Für die Klassenkameraden natürlich schwierig, da immer und ewig geduldig und nachsichtig sein zu sollen, zumal noch eher jung (7. Klasse). Die Diskussion dazu klang dann ähnlich wie die von dir geschilderte.

    Jedenfalls: Wichtig ist, dass du für dich Erfahrung draus ziehen konntest. (Ich hätte übrigens wohl nicht anders reagiert. In der Situation einfach Unterricht durchziehen – huh, schwierig… Aber mir fehlt da ja ebenfalls die Erfahrung.)

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    1. In deinem Beispiel finde ich das auch echt viel erwartet, da immer gelassen zu bleiben. Gilt für Mitschüler wie für Lehrer.
      Das betreffende Kind in meinem Fall nervt auch gewaltig. Mitschüler und Lehrer. Das weiß das Kind auch. Und trotzdem kann es nicht sein, dass man es körperlich angreift. Fünfte Klasse ey..

      Wir haben ja noch jede Menge Berufsjahre vor uns, um damit Erfahrung zu sammeln. Wobei ich auch gerne drauf verzichten kann. Aber ausbleiben wird es definitiv nicht.

      Gefällt 1 Person

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