Das Referendariat: Rheinland-Pfalz (GY)

Vielen Dank für die tolle Zuarbeit!
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Ausgehend von Lottas Blogbeitrag möchte ich hier einmal das rheinland-pfälzische Referendariatssystem beschreiben. Ich selbst habe meinen „Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gymnasien“ (so der offizielle Titel) zwischen dem 1. August 2016 und dem 31. Januar 2018 absolviert.

Die Seminare
Rechtlich gesehen sind Studienreferendare[1] (kurz: StudRefs) als Beamte auf Zeit bei einem Studienseminar angestellt. Das Studienseminar ist die Dienststelle des Studienreferendars, welche von der Seminarleitung geführt wird. In meinem Fall gab es einen Seminarleiter und zwei Mitglieder der erweiterten Seminarleitung. Die Schule, an der wir unterrichten, sind unsere Dienstorte. Die Unterscheidung ist wichtig, denn so müssen wir bei Krankheitsausfall sowohl Dienstort als auch -stelle benachrichtigen. Ebenso gelten nur Fahrten zwischen Seminar und Wohnort oder Schule als Dienstreise, aber nicht zwischen Schule und Wohnort. Und zuletzt bedeutet es, dass bei Terminkonflikten die Regel gilt, dass Termine an der Dienststelle (z.B. Seminarssitzungen) Vorrang vor Terminen des Dienstorts (z.B. Gesamtkonferenzen) haben.

Die erweiterte Seminarleitung sind dabei auch Dozenten des „Berufspraktischen Seminar“ (BPS), das in ca. 30 “Ausbildungseinheiten” (= Sitzungen), die je 90 Minuten dauern, die Grundlagen vermitteln. Die Themen sind dabei sehr divers und reichen von “Umgang mit Eltern in der Schule” bis hin zu “Offenen Unterricht gestalten”. Hier sind alle StudRefs anwesend und die Sitzungen gestalten sich ähnlich den bildungswissenschaftlichen Seminaren an der Universität.

Neben dem Berufspraktischen Seminar gibt es noch die Fachdidaktischen Seminare (FDS). Diese sind, wie der Name schon sagt, fachspezifische Sitzungen, die vom Fachleiter geleitet werden. Themen der ca. 24 Sitzungen sind dann etwa für Geschichte der “Einsatz von Liedern im Geschichtsunterricht” oder der “Anfangsunterricht (5. Klasse)” in Englisch.

Zusätzlich zu den Seminar- und Fachleitern gibt es nun noch die Ausbildungsleitung. Das sind die Verantwortlichen an den Schulen, die als Ansprechpartner für die StudRefs dienen und darüber hinaus die Schulseminare leiten. Hier kann die Ausbildungsleitung eigene Themen setzen oder Inhalte aus dem BPS vertiefen. Wir haben in unseren Schulseminar normalerweise einzelne Inhalte aus der Schulordnung besprochen, z.B. in einer Sitzung über “Wandertage und Aufsicht”.

Abschließend sind StudRefs verpflichtet, im Laufe der Ausbildung mindestens zehn “Übergreifende Ausbildungseinheiten” (ÜAE) zu besuchen. Diese werden von externen Experten, aber auch von Seminar-, Fach- oder Ausbildungsleitungen durchgeführt. Sie können fachspezifische Inhalte vermitteln (Filmanalyse im Geschichtsunterricht), fächerübergreifend (Üben im Fremdsprachenunterricht) oder allgemein (Korrigieren schriftlicher Texte).

Kommen wir nun zum Schulalltag der StudRefs in Rheinland-Pfalz. In den drei Halbjahren, in denen wir an der Schule sind, sollen wir pro Halbjahr im Schnitt acht Stunden eigenverantwortlich unterrichten. Meiner Erfahrung nach wurden StudRefs an meinem Seminar ausschließlich in Mittelstufe und in Grundkursen der Oberstufe eingesetzt; Unterstufe und Leistungskurse waren, soweit ich das mitbekommen habe, nicht dabei. Der eigenverantwortliche Unterricht ist der, den wir selbst planen und durchführen, mit allen Rechten und vor allem Pflichten eines fertig ausgebildeten Lehrers.

Darüber hinaus haben wir die Verpflichtung, insgesamt auf 12 Unterrichtsstunden zu kommen. Da viele StudRefs acht Stunden eigenverantwortlich unterrichten, sind pro Woche weitere vier Stunden durch Hospitation und angeleiteten Unterricht zu füllen. Diese stehen, allein aus praktischen Gründen, oftmals im Zusammenhang mit den Unterrichtsbesuchen.

 

Der Unterrichtsbesuch
Ein Unterrichtsbesuch (UB) ist eine vom StudRef gehaltene Unterrichtsstunde, in der ein Mitglied der Seminarleitung, die Fachleitung und die Ausbildungsleitung anwesend sind. Optional können auch die Schulleitung und andere StudRefs teilnehmen. Pro Fach muss man in den ersten zwei Halbjahren der Ausbildung drei Unterrichtsbesuche durchführen. Drei der UBs müssen in der Ober-, drei in der Mittel- und Unterstufe absolviert werden, und in jedem Fach muss mindestens einmal ein Unterrichtsbesuch in einem Leistungskurs gehalten werden. Dies bedeutet praktisch, dass ich als Beispiel in Geschichte UBs im Leistungskurs 12, im Grundkurs 11 und in der 9. Klasse hatte, in Englisch dann im Leistungskurs 12 und zwei in unterschiedlichen 7. Klassen.

Die UBs finden in bestimmten Zeitfenstern statt. In vielen Fällen ist es so, dass man zu Beginn des Zeitfensters in den Unterricht eines Kollegen mitgeht, und relativ bald beginnt, angeleitet zu unterrichten, um dann gegen Ende des Zeitfensters den UB durchzuführen. Es ist natürlich auch möglich, den UB im eigenen Unterricht durchzuführen, was oftmals gegen Ende der Ausbildungsphase geschieht. Jedem UB geht (mindestens) eine Unterrichtsmitschau (UM) voraus. Hier wird der Unterricht des StudRefs nur vom Fachleiter, eventuell noch von anderen StudRefs besucht und ist sowas wie eine Generalprobe für den UB.

Die StudRefs müssen den Fachleitern sowie weiteren Teilnehmenden bei Unterrichtsmitschauen und -besuchen Unterrichtsplanungen zukommen lassen. Bei einer UM reicht die “Skizze”; in dieser werden Lernziele, Verlaufsplan, Tafelanschriebsplan, Sitzplan mit Leistungseinschätzung und Materialien aufgeführt. Abgabetermin der Skizzen war 18 Uhr am Vorwerktag des Unterrichts. Vier der Unterrichtsbesuche müssen in Langentwürfen vorgestellt werden; diese enthalten über das bei der Skizze genannte hinaus eine Beschreibung der Lerngruppe,  eine schriftliche und tabellarische Erläuterung der Unterrichtsreihe, eine didaktische und eine methodische Analyse des geplanten Unterrichts. Bei zwei UBs genügen Kurzentwürfe (normalerweise bei den letzten UBs in einem Fach), bei dieser entfallen die Lerngruppen- und die schriftliche Reihenbeschreibung. Entwürfe für Unterrichtsbesuche mussten bis 12 Uhr am Vorwerktag elektronisch abgegeben werden.

Der UB-Stunde selbst schließt sich eine Besprechung an. Hier muss man als StudRef die gehaltene Stunde nochmal kurz erläutern, Stärken und Verbesserungspotentiale benennen sowie Alternativen vorschlagen. Daran anschließend erfolgt eine Besprechung der Unterrichtsstunde durch die Anwesenden, in dem der Stundenverlauf und die Perfomance des StudRefs besprochen werden. Am Schluss werden ein bis drei Felder benannt (etwa “Gesprächsführung” oder “Auswertungstiefe der Materialien”, an denen der StudRef arbeiten soll. Nach dem UB wird dem StudRef vom Fachleiter übrigens keine explizite Note mitgeteilt, sondern er bekommt einige Tage später eine detaillierte schriftliche Rückmeldung entlang der Ausbildungslinien vom Fachleiter, die bis zu drei Seiten umfassen kann.

 

Weitere Verpflichtungen
Auch wenn die UBs den Kern des Ausbildungsdienst bilden, obliegen den StudRefs weitere Pflichten. So werden etwa zum Ende des ersten und in der späten Mitte des zweiten Halbjahres mehrere Beratungsgespräche geführt – pro Zyklus jeweils mit Seminars-, Ausbildungs- und beiden Fachleitungen. Vor dem zweitem. Beratungsgespräch findet noch eine vierte Unterrichtsmitschau statt, die nicht im Zusammenhang mit einem Unterrichtsbesuch steht. Im Anschluss an die ersten Beratungsgespräche geben die Fachleitungen und das Berufspraktische Seminar den StudRefs jeweils eine sogenannte “Ausbildungsaufgabe”. Hier müssen bestimmte Dinge im eigenen Unterricht durchgeführt, und mit ca. zwei Seiten Text dokumentiert und reflektiert werden. In Englisch musste ich etwa, weil mein Tafelbild aus dem ersten UB verbesserungswürdig war, ein Tafelbild zu einem anderen Thema entwickeln und dieses didaktisch begründen. In Geschichte sollte ich ein Rollenspiel durchführen, und im BPS verschiedene Impulstechniken während der Vertiefungsphase ausprobieren und vergleichend evaluieren.

Außerdem gab es die Aufgabe, in beiden Fächern Leistungsüberprüfungen (LÜs) durchzuführen und reflektierend zu dokumentieren. Da eine aus der Ober-, eine aus der Mittelstufe stammen muss, habe ich eine Hausaufgabenüberprüfung aus dem Englisch-LK und eine schriftliche Überprüfung aus meiner siebten Klasse in Geschichte eingereicht. Hier musste man den Aufbau und Inhalt der Arbeit didaktisch begründen, Erwartungshorizont, Punktevergabe etc. erläutern und drei korrigierte Exemplare in Kopie beifügen – ein gutes, ein mittleres, und ein schlechtes Ergebnis.

Schlussendlich war es Pflicht, im ersten Jahr der Ausbildung an mindestens sechs UBs anderer StudRefs in jedem seiner zwei Fächer teilzunehmen. Oftmals bekam man vor dem Unterricht Beobachtungsaufträge vom Fachleiter (“Wie wird die Stundenfrage aufgeworfen?”/ “Wie korrigiert der StudRef Sprachfehler der Lernenden?”); die Beobachtungsergebnisse waren dann Teil der sich anschließenden Stundenbesprechung.
An der Schule
Die StudRefs nehmen am allgemeinen Schulleben Teil, wozu natürlich auch Konferenzen, Fachschaftstreffen, Wandertage, Schulfeste, Elternsprechtage etc. gehören. Das Durchführen von AGs ist keine Pflicht, aber ein gern genommenes Mittel, um eine herausragend gute Schulnote zu ergattern.

 

Die Vornote
Am Ende des 1. Schuljahres erhält jeder StudRef eine Vornote, die 45% der Note des zweiten Staatsexamens ausmacht. Die Note wird von der Seminarleitung festgelegt und basiert auf deren eigenen Beobachtungen über den StudRef sowie auf den Gutachten der Fach- und Ausbildungsleitungen. Diese Gutachten wiederum speisen sich aus den UMs, UBs, Ausbildungsaufgaben, Leistungsüberprüfungen, Mitarbeit iin den Seminarssitzungen, Qualität der Unterrichtsbeobachtung bei Unterrichtsbesuchen anderer StudRefs und den Eindrücken aus den Beratungsgesprächen. Natürlich orientiert sich die Vornote der Seminarleitung am arithmetischen Mittel der Einzelnoten – so ergaben bei mir die Schulnote 3,7 die BPS- und Englischnoten 3,3 und die Geschichtsnote 2,7 eine Vornote von 3,3.

 

Die zweite Staatsprüfung
Die zweite Staatsprüfung ist ein Prozess, der sich technisch gesehen über etwa fünf Monate erstreckt. Er beginnt noch vor der Bekanntgabe der Vornote mit dem sogenannten “Unterrichtsvorhaben”. Hier handelt es sich um eine kleine Unterrichtsreihe in einem der beiden Fächer im Umfang von drei bis fünf Stunden, die unter einem bestimmten didaktischen Aspekt stehen müssen. Beispiel ist etwa das Trainieren des Hörverstehens im Englischunterricht. Eine der Stunden ist dabei auch eine Unterrichtsmitschau, die aber, im Gegensatz zu den anderen UMs, nicht anschließend von StudRef und Fachleitung besprochen wird. Dies begründet sich darin, dass das Unterrichtsvorhaben (UV) am Tag der mündlichen Prüfungen (dazu später mehr) präsentiert und reflektiert werden soll.

Nach den Sommerferien beginnt die heiße Prüfungsphase. Zwischen der dritten und fünften Unterrichtswoche findet der Prüfungsunterricht (PU) in der Oberstufe statt. Dieser PU gestaltet sich noch ähnlich wie ein UB – ein Langentwurf wird abgegeben, die Stunde wird gehalten und anschließend vom StudRef kurz reflektiert. Dem schließt sich aber keine Besprechung an, sondern in Abwesenheit des StudRefs schlägt die Fachleitung der Seminarleitung eine Note vor, die dann diskutiert und gegebenenfalls noch geändert wird. Sind Seminar-, Fach- und Ausbildungsleitung einverstanden, wird der StudRef zurückgerufen und die Note wird mitgeteilt. Der PU macht dabei 15% der Abschlussnote aus.

Etwa zwei Monate später findet der zweite Prüfungsunterricht statt, dieses Mal in der Mittel- oder Unterstufe. Auch hier wird ein Langentwurf abgegeben, dieser ist aber nicht, wie alle vorangehenden Entwürfe, an die Seminarleitung adressiert. Dem zweiten PU sitzt ein externer Schulleiter oder ein Vertreter der Aufsichts- und Dienstleistungsbehörde vor, der auch die Reflektion des StudRefs entgegennimmt und letztendlich über den Notenvorschlag der Fachleitung befindet. Auch diese Prüfung macht 15% der Abschlussnote aus Noch am gleichen Nachmittag finden die drei mündlichen Prüfungen statt, welche jeweils eine halbe Stunde dauern und die zweite Staatsprüfung abschließen.

Jede der mündlichen Prüfungen entscheidet über 10% der Abschlussnote. Dabei unterscheiden sich die Modi der drei Prüfungen deutlich. Im Berufspraktischen Seminar müssen Themen dreier Seminarsitzungen benannt werden; das Thema “Schul- und Beamtenrecht” ist automatisch gesetzt. In dem Fach, in denen das Unterrichtsvorhaben (siehe oben) vorgestellt wird, besteht die Prüfung zunächst aus einem zehnminütigen Referat über Aufbau, Theorie, Durchführung und Reflektion der Stunden des UV und einem zehnminütigen Kolloquium, in denen das UV besprochen wird. Die letzten zehn Minuten sind dann ein Prüfungsgespräch über eines der fachspezifischen Seminarthemen. Im zweiten Fach bestehen die ersten 20 Minuten aus einem Prüfungsgespräch über zwei vom StudRef im Vorab gewählte Themen aus dem Seminar, das dritte Thema ist dem StudRef bis zur Prüfung unbekannt.

Sofern der Schnitt aller Noten mindestens 4,0 ist und keine zwei Teilprüfungen “mangelhaft” waren, ist die zweite Staatsprüfung bestanden. Rein rechtlich endet das Referendariat in diesem Moment. Die Lehrenden tragen bis zum Ende ihre Vorbereitungsdiensts den Titel “Assessor im Lehramt”, und können nun mit Zusatzverträgen bis zu 18 Stunden eigenverantwortlich unterrichten.

 

[1] Normalerweise gendere ich Texte, aber mit den Berufsbezeichnungen im Vorbereitungsdienst wird das teilweise echt kompliziert. Es sind mit den Begriffen stets alle Geschlechter angesprochen.

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